Der Aufschwung kommt. Die Leute dafür nicht von allein.
Das Geschäftsklima im Mittelstand ist fünfmal in Folge gestiegen, der Arbeitsmarkt merkt davon nichts. Das ist kein Widerspruch, sondern die übliche Reihenfolge eines Aufschwungs. Diesmal hat sie einen Haken: Wenn die Einstellungswende kommt, trifft sie auf einen Arbeitsmarkt, der schrumpft.
„Die wirtschaftliche Verbesserung kommt auf dem Arbeitsmarkt derzeit noch nicht an.“ Das sagte Andrea Nahles am 30. September, als die Bundesagentur für Arbeit ihre Monatszahlen vorstellte. 2,994 Millionen Menschen waren arbeitslos, 40.000 mehr als ein Jahr zuvor. Die übliche Herbstbelebung nannte die BA-Chefin schwunglos.
Einen Tag vorher hatte KfW Research gemeldet, dass sich das Geschäftsklima im Mittelstand zum fünften Mal in Folge verbessert hat, von minus 12,5 auf minus 8,1 Punkte. Lage und Erwartungen steigen, die Exporterwartungen der kleinen und mittleren Unternehmen liegen erstmals seit Februar 2022 über ihrem langjährigen Durchschnitt. Die Ökonomen der Förderbank halten die Erholung für kaum noch aufzuhalten.
Zwei Meldungen, die sich zu widersprechen scheinen. Tatsächlich beschreiben sie eine Reihenfolge. Der Aufschwung erreicht die Unternehmen in Etappen, und die Personalplanung kommt zuletzt an die Reihe. Darin liegt für Geschäftsführer im Mittelstand das Risiko der kommenden Monate. Wer wichtige Positionen erst besetzt, wenn die Zahlen eindeutig sind, sucht im selben Moment wie alle anderen. Und er sucht in einem Markt, der dann kleiner ist als heute.
Erst die Laune, dann die Pläne, zuletzt die Verträge
Die Etappen lassen sich im KfW-ifo-Mittelstandsbarometer ablesen. Die Geschäftserwartungen der Mittelständler sind seit Juni um fast 20 Punkte gestiegen. Die Beschäftigungserwartungen haben erst im Sommer gedreht und liegen mit minus 3,0 Punkten noch knapp unter dem Durchschnitt. Die Erholung ist breit, aber nicht gleichmäßig. Im Bauhauptgewerbe hat sich das Klima im September kaum bewegt.
Erwartungen sind zudem noch keine Einstellungen. Noch im Mai wollten die Finanzchefs mittelständischer Unternehmen laut Deloitte CFO Survey ihre Investitionen leicht und ihre Belegschaft deutlich verringern. Von einer Investitionswende ist im Mittelstand bislang wenig zu sehen, getragen wird die Erholung vor allem von staatlichen Ausgaben und vom Export.
Dass Personal zuletzt reagiert, ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Mehr Aufträge lassen sich zunächst mit der vorhandenen Mannschaft abarbeiten, über Mehrarbeit oder das Ende von Kurzarbeit, die im Juli noch für 118.000 Beschäftigte gezahlt wurde. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag dagegen bindet für Jahre. Kaum ein Geschäftsführer unterschreibt ihn auf Basis von fünf guten Umfragemonaten. Das ist vernünftig. Es wird nur teuer, wenn alle es gleichzeitig tun.
Der Arbeitsmarkt schrumpft, während die Wirtschaft wächst
Wie lange die Verzögerung dauern kann, zeigt die aktuelle Prognose des IAB. Das Nürnberger Institut erwartet für 2026 ein Wachstum von 1,2 Prozent und für 2027 von 1,0 Prozent. Trotzdem sinkt die Zahl der Erwerbstätigen in diesem Jahr um 210.000 und im nächsten um weitere 140.000. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wächst 2026 zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr.
Der Grund ist nur zum Teil die Vorsicht der Unternehmen. Der größere Teil ist Demografie. Das Erwerbspersonenpotenzial, also alle, die arbeiten oder arbeiten könnten, schrumpft 2026 um 70.000 und 2027 um 140.000 Menschen. Die Babyboomer gehen, und die Zuwanderung gleicht das nicht mehr aus.
Die Einstellungswende wird deshalb keine Welle sein, die Personal in die Betriebe spült. Sie wird ein Wettlauf um weniger Menschen.
Jede dritte Stelle bleibt leer, selbst in der Flaute
Wie eng der Markt schon heute ist, am Tiefpunkt der Nachfrage, zeigt der Fachkräftereport des IW Köln. Im März 2026 standen rund 1,3 Millionen arbeitslosen Fachkräften knapp 1,1 Millionen offene Stellen gegenüber. Dennoch fand sich für etwa jede dritte Stelle rechnerisch kein passend qualifizierter Bewerber, insgesamt für rund 357.000. In mehreren Metall- und Elektroberufen, vom Metallbau bis zur Maschinenbau- und Betriebstechnik, wuchsen die Engpässe sogar, angetrieben von den Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung.
Wenn ein Drittel der Stellen schon in der Schwächephase unbesetzbar bleibt, lässt sich ausmalen, was passiert, sobald die Nachfrage wieder anzieht. Für Schlüsselpositionen gilt das in besonderem Maß. Eine Werkleiterin, ein technischer Geschäftsführer oder eine erfahrene Projektleitung für Infrastrukturvorhaben lassen sich nicht in drei Wochen finden, auch nicht in guten Zeiten.
Wo heute abgebaut wird, sitzen die Führungskräfte von morgen
Gleichzeitig bietet der Moment eine Gelegenheit, die es so nicht oft gibt. Das IAB rechnet für das Produzierende Gewerbe allein 2026 mit 160.000 Stellen weniger. Unter den Betroffenen sind Ingenieure, Fertigungsleiter und Projektverantwortliche, die in normalen Jahren kaum erreichbar wären. Das IW weist ausdrücklich darauf hin, dass technische Fachkräfte aus der Automobil- und Metallindustrie auch für andere Branchen infrage kommen, wenn Unternehmen ihre Anforderungsprofile nicht zu eng fassen.
Diese Gelegenheit hat ein Verfallsdatum. Sobald der Aufschwung breiter wird, hören die abgebenden Unternehmen auf abzubauen, und die Wettbewerber fangen an einzustellen. Bei Führungspositionen vergehen nach meiner Erfahrung zwischen der Entscheidung und dem ersten Arbeitstag häufig sechs bis neun Monate, für Suche, Auswahl und Kündigungsfrist. Wer im Herbst 2026 entscheidet, hat seine Führungskraft im Laufe des Jahres 2027 an Bord. Wer wartet, bis die Arbeitsmarktdaten die Wende bestätigen, beginnt seine Suche dann, wenn alle suchen.
Die Konjunkturdaten sagen einem Unternehmen, wann die Aufträge zurückkommen. Wann es die Leute dafür braucht, muss es selbst ausrechnen. Die Antwort liegt meist früher, als es sich richtig anfühlt.
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