"Jobhugging" oder warum gute Leute bleiben, obwohl sie gehen wollen
Mehr als ein Drittel der Beschäftigten fühlt sich mindestens einmal pro Woche demotiviert, doch nur acht Prozent planen konkret einen Wechsel. Gute Fach- und Führungskräfte rechnen den Schritt als Risiko, und diese Rechnung fällt derzeit so vorsichtig aus wie seit Jahren nicht. Wer sie gewinnen will, muss weniger versprechen und mehr absichern. Und genau da entstehen Chancen für den Mittelstand.
Der Kandidat, den Sie am dringendsten brauchen, ist wahrscheinlich nicht glücklich in seinem Job. Er vermisst den nächsten Schritt, reibt sich an seinem Vorgesetzten und weiß ziemlich genau, was er am Markt wert wäre. Ihr Angebot wird er trotzdem ablehnen. Es mag gut sein. Es ist ihm nur zu riskant.
In den USA hat dieses Verhalten einen Namen bekommen: Jobhugging, das Festklammern am vorhandenen Arbeitsplatz. Ökonomen der Federal Reserve beschreiben einen Arbeitsmarkt, in dem kaum eingestellt und kaum entlassen wird. 2025 kündigten dort zeitweise nur noch 1,9 Prozent der Beschäftigten pro Monat von sich aus (Federal Reserve Bank of St. Louis). Auf dem Höhepunkt der Wechselwelle 2022 waren es rund 3 Prozent. In Deutschland verläuft die Entwicklung leiser, aber in dieselbe Richtung.
Für Unternehmen, die gute Leute von außen gewinnen wollen, ändert das die Aufgabe. Die bessere Stelle allein überzeugt nicht mehr. Ein Wechsel muss das Risiko aufwiegen, das der Kandidat mit ihm eingeht. Und dieses Risiko wird in vielen Köpfen gerade größer gerechnet als seit Jahren.
82 zu 17
Wie groß das Sicherheitsbedürfnis geworden ist, zeigt die Wechselwilligkeitsstudie 2026, für die Forsa im Auftrag von Xing 3.418 Beschäftigte befragt hat. Nur noch 34 Prozent sind offen für einen neuen Arbeitgeber, der niedrigste Wert seit fünf Jahren. Konkrete Wechselpläne haben 8 Prozent. Vor die Wahl gestellt zwischen mehr Arbeitsplatzsicherheit und besseren Karrierechancen, entscheiden sich 82 Prozent für die Sicherheit und 17 Prozent für die Karriere. Eine sichere, aber langweilige Stelle ziehen 58 Prozent einem spannenden Job mit weniger Sicherheit vor.
Die vor wenigen Tagen erschienene Studie Workforce Hopes and Fears 2026 von PwC bestätigt das Bild. 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland halten einen Arbeitgeberwechsel in den nächsten zwölf Monaten für unwahrscheinlich, 87 Prozent rechnen fest damit, ihren Job zu behalten.
Zufrieden sind deshalb längst nicht alle. Mehr als ein Drittel fühlt sich laut Xing mindestens einmal pro Woche demotiviert. Unter den Gründen für einen Wechselwunsch nennen 38 Prozent fehlende Aufstiegschancen, ein Jahr zuvor waren es 30 Prozent. Unzufriedenheit und Bleiben schließen sich also nicht aus. Sie bestehen nebeneinander, solange der Wechsel bedrohlicher wirkt als der Stillstand.
Die Probezeit ist der eigentliche Preis
Warum gerade erfahrene Fach- und Führungskräfte so vorsichtig rechnen, erklärt ein Blick in den Arbeitsvertrag. Wer acht oder zehn Jahre im Unternehmen ist, hat sich eine Position erarbeitet, die auf keiner Gehaltsabrechnung steht. Kündigungsschutz gilt erst nach sechs Monaten Betriebszugehörigkeit, in der Probezeit reichen zwei Wochen Frist. Bei betriebsbedingten Kündigungen zählt in der Sozialauswahl die Dauer der Betriebszugehörigkeit. Wer wechselt, gibt diesen Vorsprung auf und steht beim neuen Arbeitgeber am Ende jeder Liste.
In guten Zeiten fällt das kaum ins Gewicht, weil der nächste Job ohnehin wartet. Diese Gewissheit ist Vergangenheit. Die IAB-Stellenerhebung zählte im zweiten Quartal 2026 rund eine Million offene Stellen, gut 11 Prozent weniger als im Quartal davor. Zwei Jahre zuvor waren es noch 1,34 Millionen. Scheitert ein Wechsel, ist der Weg zurück auf den Markt heute deutlich steiniger.
Ein Gehaltsplus wiegt in dieser Rechnung weniger, als viele Arbeitgeber glauben. Laut Xing würden 61 Prozent mehr Sicherheit einem höheren Gehalt vorziehen. In meinen Gesprächen mit Kandidaten kommt die Frage nach der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens inzwischen oft früher als die Frage nach dem Geld.
Treue mit angezogener Handbremse
Für die Unternehmen, deren Leute bleiben, klingt das zunächst nach einer guten Nachricht. Die Fluktuation sinkt, Stellen müssen seltener nachbesetzt werden. Doch Bleiben ist nicht dasselbe wie Bindung. PwC zeigt, wo der Haken liegt. 57 Prozent der Beschäftigten trauen sich zu, Neues zu lernen. Zugang zu den nötigen Lern- und Entwicklungsangeboten haben aber nur 40 Prozent, ein Jahr zuvor waren es noch 55 Prozent. Viele Unternehmen halten ihre Leute also ausgerechnet in einer Phase, in der sie weniger in sie investieren. Das Klammern ist beidseitig.
Für Unternehmen, die einstellen wollen, folgt daraus etwas Unbequemes. Die guten Leute sind da, sie sind nur nicht unterwegs. Wer auf Bewerbungen wartet, erreicht vor allem den kleinen Teil, der ohnehin aktiv sucht. Die anderen müssen angesprochen werden, und dann muss man sie davon überzeugen, dass der Schritt sich lohnt und trägt.
Ein Angebot muss heute absichern
Was einen Wechsel rechtfertigt, sagen die Beschäftigten recht deutlich. Von einem neuen Arbeitgeber erwarten laut Xing 70 Prozent einen langfristig sicheren Job, 63 Prozent ein höheres Gehalt und 62 Prozent gutes Führungsverhalten. Flexible Arbeitszeiten folgen mit 58 Prozent. Auch international ist die Verschiebung sichtbar. In der weltweiten Befragung Decoding Global Talent der Boston Consulting Group rückte Arbeitsplatzsicherheit 2024 erstmals seit Beginn der Reihe an die Spitze der Prioritäten.
Für den Mittelstand liegt darin eine Chance, die er oft verschenkt. Manches familiengeführte Unternehmen steht solider da als ein bekannter Konzern, der gerade Stellen abbaut. Nur sagt es das nicht. Zahlen gelten als Privatsache, die Rolle wird im Gespräch vage umrissen, und die künftige Führungskraft lernt der Kandidat erst spät im Prozess kennen. Jede dieser Lücken füllt ein vorsichtiger Kandidat mit der ungünstigsten Annahme.
Stabilität, eine klar umrissene Rolle, eine greifbare Führungskraft und eine erkennbare Entwicklungsperspektive werden damit zur Währung, in der das Risiko eines Wechsels bezahlt wird. Gehalt und Flexibilität bleiben wichtig. Überzeugen können sie erst, wenn diese Grundlage steht.
Jobhugging ist eine nüchterne Kalkulation in unsicheren Zeiten. Sie dürfte sich ändern, sobald sich die Lage aufhellt, und zwar zuerst bei denen, die die meisten Optionen haben. Wer erst dann anfängt, über Sicherheit zu reden, kommt zu spät. Die Kandidaten, die heute zögern, merken sich sehr genau, wer ihnen das Zögern leicht gemacht hat und wer ihnen nur mehr Geld geboten hat.
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