„Wir sind wie eine Familie“ ist ein Satz mit Nebenwirkungen
Gute Teams können von intakten Familien viel lernen, nur das Versprechen bedingungsloser Zugehörigkeit sollten sie niemandem geben. Warum das Wort Familie bei zehn Kandidaten zehn verschiedene Bilder auslöst und was Führungskräfte daraus machen können.
Wenn ich einem Kandidaten ein Familienunternehmen vorstelle, achte ich inzwischen sehr genau auf jedes Wort. Sage ich, das Unternehmen sei „wie eine Familie“, reagieren viele anders, als wenn ich von einer familiär geführten Firma oder von familiären Strukturen spreche. Mal hellt sich das Gesicht auf, mal wird es schlagartig vorsichtig. Das liegt selten am Unternehmen. Es liegt daran, dass jeder seine eigene Familie im Kopf hat: die laute, die herzliche, die enge, die, aus der man mit achtzehn ausgezogen ist. Zehn Kandidaten, zehn Familien.
Den Vergleich deshalb zu verwerfen, wäre trotzdem zu bequem. Würden Sie mit jemandem zusammenarbeiten, dem Sie nicht vertrauen? Mit jemandem, bei dem Sie nicht das Gefühl haben, Teil des Ganzen zu sein? Vermutlich nicht. Genau das aber leisten intakte Familien. Gute Teams leihen sich deshalb ihre Tugenden. Das Versprechen, das im Wort steckt, geben sie besser niemandem.
Der Esstisch, an dem gestritten werden darf
Was eine intakte Familie ausmacht, ist schnell aufgezählt und schwer nachzubauen. Man kann sich aufeinander verlassen. Man darf widersprechen, ohne dass die Beziehung daran zerbricht. Es gibt Rituale, die niemand infrage stellt, den Sonntagstisch, den Anruf zum Geburtstag. Und wenn einer ausfällt, rückt der Rest zusammen, ohne dass es jemand anordnen muss.
Erstaunlich nah daran liegt, was die Teamforschung herausgefunden hat. Google suchte jahrelang nach der idealen Zusammensetzung von Teams und fand keine. Entscheidend war nach einem Bericht der New York Times weniger, wer im Team sitzt, als wie die Mitglieder miteinander umgehen. Ganz oben stand das Gefühl, sich ohne Angst vor Bloßstellung äußern zu können, in der Fachsprache psychologische Sicherheit.
McKinsey hat dazu rund 1.500 Berufstätige weltweit befragt und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Der stärkste Treiber dieser Sicherheit ist laut der Studie ein Teamklima, in dem man die Beiträge der anderen schätzt, sich um ihr Wohlergehen kümmert und mitreden darf. Nüchtern formuliert ist das die Beschreibung eines guten Familienessens. Nur 43 Prozent der Befragten erleben ein solches Klima in ihrem Team. Mehr als die Hälfte sitzt also an einem Tisch, an dem man lieber schweigt. Und Schweigen hat seinen Preis.
Niemand kündigt seinem Sohn
An einer Stelle aber hinkt der Vergleich, und zwar dort, wo es wehtut. Familie ist bedingungslos. Man gehört dazu, weil man geboren wurde, und nicht, weil man liefert. Ein Unternehmen kann das nicht versprechen, und es sollte es auch nicht versuchen. Wer im Januar „Wir sind eine Familie“ sagt und im Oktober Kündigungen ausspricht, hat das Wort beschädigt, gerade für alle, die bleiben.
Netflix hat daraus eine Haltung gemacht. Im Kulturmemo des Konzerns heißt es, man orientiere sich an einer Profimannschaft und nicht an einer Familie. Familien stünden für bedingungslose Zuneigung. Eine Mannschaft dagegen besetze jede Position bestmöglich, notfalls auch gegen einen Spieler, den man mag. Das klingt kühl. Ehrlich ist es trotzdem.
Bemerkenswert ist, dass sich beide Bilder nicht ausschließen. Die McKinsey-Daten zeigen auch, dass fordernde Führung die psychologische Sicherheit nur dann stärkt, wenn zuvor ein unterstützendes Klima entstanden ist. Ohne dieses Fundament verpufft der Anspruch. Für Führungskräfte heißt das: erst Esstisch, dann Trainingsplatz. Die Reihenfolge entscheidet.
88 Prozent Familie, ebenso viele Missverständnisse
Besonders heikel wird das Wort dort, wo es wörtlich gemeint ist. Laut einer Erhebung des ZEW für die Stiftung Familienunternehmen sind 88 Prozent der rund 2,9 Millionen privaten Unternehmen in Deutschland Familienunternehmen. Sie stellen 58 Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft. Familiengeführt kann dabei sehr Unterschiedliches heißen. Sitzt die Familie in der Geschäftsführung? Arbeitet der Neffe im Vertrieb mit? Oder hält die Familie nur die Anteile und mischt sich kaum ein? Für einen Bewerber sind das drei verschiedene Arbeitgeber.
Die Nähe ist ein echter Vorteil, und sie hat ihren Preis. Wo Familie und Firma ineinandergreifen, steckt viel Emotion in Entscheidungen, im Guten wie im Schlechten. Selbst die Inhaber sind sich ihrer Wirkung nicht sicher. In einer weltweiten Befragung von PwC unter gut 2.000 Familienunternehmern hielten 91 Prozent das Vertrauen ihrer Mitarbeiter für wesentlich oder sehr wichtig. Nur 42 Prozent glaubten, es voll zu besitzen. Diesen Spannungen wird sich ein eigener Beitrag in diesem Magazin widmen.
Zehn Kandidaten, ein Bild
Das Wort Familie im geschäftlichen Umfeld ist also kein Fehler, es ist nur unvollständig. In Gesprächen mit Kandidaten trägt es erst, wenn ich es mit Beispielen fülle. Wie reagiert die Geschäftsführung, wenn ein Projekt schiefgeht? Wie hat sich das Unternehmen in einer schwierigen Phase verhalten? Wie wird entschieden, wenn zwei Bereichsleiter uneins sind? Und was geschieht, wenn jemand die Erwartungen dauerhaft nicht erfüllt? Diese Antworten muss ich im Briefing mit dem Unternehmen oft erst herausarbeiten. Danach entsteht bei zehn Kandidaten ein Bild und nicht zehn.
Für Führungskräfte gilt dasselbe im eigenen Team. Niemand sucht im Job eine Ersatzfamilie. Aber fast jeder sucht einen Ort, an dem man sich aufeinander verlassen kann, offen streiten darf und weiß, woran man ist. Das kann ein Team bieten, jeden Tag aufs Neue. Familie ist am Ende kein Etikett für die Karriereseite. Sie zeigt sich am Montagmorgen, wenn etwas schiefgegangen ist und trotzdem alle wieder am Tisch sitzen.
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